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Unterhalt nach Scheidung berechnen – Kindesunterhalt & OGH

Startseite  •  Aktuelles  •  04.09.2026
Unterhalt nach Scheidung berechnen – Kindesunterhalt & OGH

Unterhalt nach Scheidung berechnen: 256 Euro im Monat – obwohl der Vater selbst im Alltag von seiner Ehefrau mitgetragen wird. Darf ein Kind bei so einer Konstellation mit dem Hinweis auf „kein eigenes Einkommen“ abgespeist werden?

Kindesunterhalt trotz geringem Einkommen: Wenn der neue Ehepartner indirekt mitzahlt

256 Euro im Monat – obwohl der Vater selbst im Alltag von seiner Ehefrau mitgetragen wird. Darf ein Kind bei so einer Konstellation mit dem Hinweis auf „kein eigenes Einkommen“ abgespeist werden?

Genau um diese Frage ging es in einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2021. Der Fall zeigt sehr deutlich: Für den Kindesunterhalt zählt nicht nur, was am Konto des unterhaltspflichtigen Elternteils tatsächlich eingeht. Entscheidend kann auch sein, welche finanziellen Möglichkeiten rechtlich bestehen – selbst dann, wenn diese nie aktiv genutzt wurden.

Die Tochter lebte bescheiden – der Vater nicht

Die Tochter war bereits 20 Jahre alt und lebte bei der Mutter. Der Vater zahlte bisher 256 Euro monatlich an Unterhalt. Dann änderte sich seine berufliche Situation: Er verlor seinen Arbeitsplatz und machte sich später selbstständig. In den Jahren 2015 bis 2018 hatte er praktisch kein eigenes Geldeinkommen.

Auf den ersten Blick klingt das nach einer klassischen Unterhaltsreduktion. Wer kaum etwas verdient, kann oft auch weniger zahlen. Die Sache hatte aber einen entscheidenden Haken: Der Vater lebte nicht wirtschaftlich auf sich allein gestellt. Seine Ehefrau verfügte über ein deutlich höheres Einkommen und übernahm seine laufenden Ausgaben.

Damit stand eine unangenehme Frage im Raum: Wenn der Vater selbst kaum Geld verdient, aber im gemeinsamen Haushalt finanziell abgesichert ist, darf das beim Kindesunterhalt einfach ignoriert werden? Oder muss auch dieser Vorteil dem Kind zugutekommen?

Was Gerichte bei Unterhalt wirklich prüfen

Beim Kindesunterhalt wird in Österreich nicht bloß auf das nackte Nettoeinkommen geschaut. Gerichte prüfen auch, ob ein Elternteil zumutbare Möglichkeiten ungenutzt lässt, um Mittel für den Unterhalt zu beschaffen. Das ist im Familienrecht ein zentraler Gedanke: Kinder sollen an den tatsächlichen Lebensverhältnissen ihrer Eltern teilhaben.

Wenn also ein Vater oder eine Mutter offiziell wenig verdient, aber wirtschaftlich durch den Ehepartner getragen wird, kann das eine Rolle spielen. Denn dann geht es nicht nur um fehlendes Einkommen, sondern um die Frage, ob ein Anspruch auf Ehegattenunterhalt bestanden hätte – und ob dieser Anspruch für den Kindesunterhalt mitzudenken ist.

Naturalunterhalt in der Ehe ist nicht unsichtbar

Viele Ehepaare leben so, dass ein Partner Rechnungen zahlt, Wohnkosten trägt oder den Alltag finanziert, ohne dem anderen direkt Geld zu überweisen. Juristisch spricht man hier oft von Naturalunterhalt. Gemeint ist also Unterstützung in Form von Wohnen, Essen, Bezahlen laufender Kosten oder sonstiger Versorgung im Haushalt.

Für den Kindesunterhalt ist das heikel. Denn der unterhaltspflichtige Elternteil profitiert faktisch von dieser Versorgung. Das Kind würde leer ausgehen, wenn man nur auf das fehlende Bargeld abstellt und den wirtschaftlichen Vorteil im Haushalt völlig ausblendet.

Nach der Rechtsprechung muss ein Elternteil in so einer Lage alle zumutbaren rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Dazu kann auch gehören, einen Geldunterhaltsanspruch gegen den eigenen Ehegatten geltend zu machen, statt sich bloß informell mittragen zu lassen.

Die entscheidende Linie des OGH aus 2021

Bereits in der Entscheidung OGH vom 22.09.2021, 4 Ob 67/21p bestätigte der Oberste Gerichtshof genau diesen Ansatz. Das Berufungsgericht hatte dem Vater nicht nur sein tatsächliches Einkommen zugerechnet, sondern auch einen fiktiven Anspruch auf Geldunterhalt gegen seine Ehefrau in die Bemessungsgrundlage einbezogen. Der Vater wehrte sich dagegen, blieb mit seiner Revision aber erfolglos.

Der OGH hielt fest: Ein fiktiver Anspruch des unterhaltspflichtigen Elternteils gegen den besser verdienenden Ehegatten darf für die Berechnung des Kindesunterhalts herangezogen werden. Das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für vergangene Zeiträume.

Genau darin liegt die praktische Sprengkraft dieser Entscheidung. Der Vater konnte sich nicht darauf zurückziehen, dass seine Ehefrau ihn bloß tatsächlich unterstützt habe und kein formeller Geldfluss dokumentiert gewesen sei. Aus Sicht des Gerichts war entscheidend, dass eine rechtlich nutzbare Unterhaltsmöglichkeit bestand und das Kind daran teilhaben soll.

Welche Regeln dahinterstehen: EheG und ABGB verständlich erklärt

Die Grundlage für Kindesunterhalt findet sich im ABGB. Die einschlägigen Bestimmungen regeln, dass Eltern für den Unterhalt ihrer Kinder nach ihren Kräften anteilig aufkommen müssen. Einfach gesagt: Wer mehr leisten kann, muss auch mehr beitragen.

Beim Ehegattenunterhalt spielt ebenfalls das ABGB eine Rolle. Ehegatten schulden einander Beistand und angemessenen Unterhalt. Das bedeutet: Wenn ein Ehepartner kein oder kaum Einkommen hat und der andere deutlich leistungsfähiger ist, kann ein Anspruch auf finanzielle Unterstützung bestehen.

Für Scheidungen ist außerdem das Ehegesetz wichtig, vor allem dort, wo es um Unterhalt nach der Scheidung und um das Verschuldensprinzip geht. Für den hier behandelten Punkt ist aber vor allem entscheidend, dass familienrechtliche Unterhaltspflichten nicht isoliert betrachtet werden. Kindesunterhalt und Ehegattenunterhalt können wirtschaftlich zusammenhängen.

Warum die Vergangenheit noch teuer werden kann

Besonders brisant ist der rückwirkende Aspekt. Viele Betroffene glauben, alte Jahre seien praktisch erledigt, wenn damals eben „kein Einkommen“ vorhanden war. Genau das trifft nicht immer zu.

Wenn sich nachweisen lässt, dass der unterhaltspflichtige Elternteil in Wahrheit durch den Ehepartner finanziell abgesichert war und einen Geldunterhaltsanspruch hätte geltend machen können, kann auch für frühere Zeiträume eine höhere Bemessungsgrundlage angenommen werden. Das kann zu Nachforderungen führen.

Wenn Sie sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden, ist das vor allem in vier Konstellationen relevant:

  • Sie zahlen Kindesunterhalt und haben nach Jobverlust kaum eigenes Einkommen, werden aber vom Ehepartner oder der Ehepartnerin finanziell getragen.
  • Sie betreuen das Kind und vermuten, dass der andere Elternteil seine wirtschaftliche Lage schlechter darstellt, als sie im gemeinsamen Haushalt tatsächlich ist.
  • Es geht um Unterhalt für vergangene Jahre, in denen offiziell wenig Einkommen vorhanden war.
  • Ein Elternteil ist selbstständig und bezieht unregelmäßige oder schwer nachvollziehbare Einkünfte, lebt aber dennoch auf solidem Niveau.

Was Betroffene jetzt konkret prüfen sollten

  • Dokumentieren Sie, wer im Haushalt welche Kosten trägt: Miete, Lebensmittel, Versicherungen, Kredite, Auto, Freizeitkosten.
  • Prüfen Sie, ob zwischen Ehegatten ein gesetzlicher oder vertraglicher Geldunterhaltsanspruch besteht oder bestanden hat.
  • Verlassen Sie sich nicht allein auf Steuerbescheide oder offiziell geringe Gewinne aus Selbstständigkeit.
  • Wenn Unterhalt für vergangene Zeiträume offen ist, lassen Sie die damalige Haushalts- und Versorgungssituation genau aufarbeiten.
  • Reagieren Sie früh, sobald sich Einkommen, Arbeitslosigkeit, Selbstständigkeit oder Partnerschaftsverhältnisse ändern.

Mit langjähriger Erfahrung als Rechtsanwalt in Wien sieht die Pichler Rechtsanwalt GmbH gerade in Unterhaltsverfahren immer wieder, dass nicht das deklarierte Einkommen allein den Ausschlag gibt, sondern die tatsächliche wirtschaftliche Lebensrealität.

FAQ: So suchen Betroffene wirklich nach Antworten

Muss ich mehr Kindesunterhalt zahlen, obwohl ich selbst kaum etwas verdiene?

Ja, das kann sein. Wenn Sie zwar wenig eigenes Einkommen haben, aber von Ihrem Ehepartner finanziell erhalten werden, kann das Gericht diesen Vorteil berücksichtigen. Entscheidend ist, ob Sie zumutbarweise einen Anspruch auf Ehegattenunterhalt in Geld hätten geltend machen können.

Kann der Unterhalt auch rückwirkend erhöht werden?

Ja. Gerade das zeigt die Entscheidung des OGH aus 2021 sehr deutlich. Wenn sich für frühere Zeiträume ergibt, dass eine höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bestanden hat, kann das auch nachträglich bei der Unterhaltsbemessung eine Rolle spielen.

Zählt es nicht nur, was ich tatsächlich am Konto habe?

Nein. Im Unterhaltsrecht zählt nicht nur das tatsächlich bezogene Einkommen, sondern auch ein zumutbar erzielbares oder rechtlich durchsetzbares Einkommen. Dazu können unter Umständen auch Ansprüche gegen den eigenen Ehepartner gehören.

Was ist, wenn mein Ex-Partner behauptet, der neue Ehepartner gehe mich nichts an?

Die neue Ehe oder Partnerschaft ist nicht automatisch direkt unterhaltspflichtig gegenüber dem Kind. Relevant ist aber, ob der unterhaltspflichtige Elternteil durch diese Beziehung wirtschaftlich entlastet wird und dadurch eigene Ansprüche hat. Diese mittelbare Wirkung kann den Kindesunterhalt erhöhen.

Rechtsanwalt Wien: Unterhalt nach Scheidung berechnen & Beratung

Wenn Sie den Fall prüfen oder den Unterhalt neu berechnen wollen, prüfen Sie auch Scheidung und Obsorge-Aspekte. Unterhalt nach Scheidung berechnen ist oft komplex und erfordert die genaue Erfassung der Haushaltsverhältnisse. Unterhalt nach Scheidung berechnen heißt auch: Belege sichern und früh reagieren.

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Unsere Rechtsanwaltskanzlei in 1010 Wien ist auf Familien- und Erbrecht spezialisiert.
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Dr. Clemens Pichler

Rechtsanwalt | Spezialist für Familienrecht & Scheidungsrecht in Wien

Dr. Clemens Pichler ist eingetragener Rechtsanwalt in Wien und Gründer der
Pichler Rechtsanwalt GmbH mit Kanzlei in 1010 Wien.
Er begleitet sowohl Männer als auch Frauen durch alle Phasen einer Scheidung –
von der einvernehmlichen Scheidung über streitige Scheidungsverfahren bis hin zu
Obsorge, Unterhalt und Aufteilung des ehelichen Vermögens.

Seit der Kanzleigründung im Jahr 2008 hat Dr. Pichler bereits hunderte Mandanten
in Familienrechtssachen vertreten und Scheidungen vor den Bezirksgerichten
abgewickelt – sowohl einvernehmlich als auch in strittigen Scheidungsverfahren.

Er ist Autor zahlreicher juristischer Fachpublikationen, unter anderem im
Österreichischen Anwaltsblatt, den Fachzeitschriften
ecolex und Recht der Wirtschaft sowie Gastautor in den
Tageszeitungen Die Presse und Der Standard.

Seine wissenschaftlichen Aufsätze werden vom Obersten Gerichtshof (OGH) zitiert,
und er hat als anwaltlicher Vertreter von Parteien zahlreiche Fälle vor dem
Höchstgericht erwirkt.

Seine Expertise im Familienrecht und Scheidungsrecht basiert auf langjähriger
Prozesserfahrung vor österreichischen Familiengerichten sowie auf aktueller
OGH-Rechtsprechung im Familienrecht.

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