Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre: Was gilt?

Fremdgehen ist nicht alles: Warum selbst kleines Mitverschulden bei der Scheidung zählen kann
Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Doch selbst wenn ein Ehepartner die Ehe durch eine neue Beziehung massiv belastet, schaut das Gericht trotzdem genau hin, wie der gemeinsame Alltag davor wirklich ausgesehen hat.
Gerade bei einer Verschuldensscheidung überrascht das viele Betroffene. Wer betrogen wurde, geht oft davon aus, rechtlich automatisch völlig „schuldlos“ zu sein. Wer fremdgegangen ist, glaubt umgekehrt häufig, dass damit jede weitere Diskussion beendet ist. Beides stimmt so nicht. Der Oberste Gerichtshof hat klargestellt: Auch ein geringes Fehlverhalten des anderen Ehepartners kann berücksichtigt werden, wenn es tatsächlich zur Zerrüttung beigetragen hat.
Eine verziehene Affäre, ein neuer Bruch und ein Alltag voller Distanz
Die Ehe begann 2013. Jahre später war das Vertrauen bereits einmal schwer erschüttert worden: Der Mann hatte schon 2020 eine Affäre gehabt. Die Ehefrau verzieh ihm damals. Für viele Paare wäre das der Versuch eines Neustarts gewesen. Doch der hielt nicht.
Ab 2023 hatte der Mann erneut eine Beziehung mit einer anderen Frau. Damit stand eine schwere Eheverfehlung im Raum. Gleichzeitig war die Ehe aber nicht nur durch diesen Seitensprung belastet. Auch der Alltag zwischen den Eheleuten war längst schwierig geworden.
Nach den gerichtlichen Feststellungen zeigte die Ehefrau wenig Interesse an gemeinsamer Zeit. Vorschläge für Unternehmungen lehnte sie oft ab. Körperliche Nähe gab es kaum. Dazu kamen Konflikte über den Haushalt, den der Mann weitgehend allein erledigte und bei dem er sich von seiner Frau im Stich gelassen fühlte.
Am Ende stand nicht nur ein neuer Betrug, sondern eine Beziehung, in der sich beide über längere Zeit nicht mehr erreichten. Genau diese Gemengelage wurde für die rechtliche Beurteilung entscheidend.
Warum das Gericht nicht nur auf den „größten Fehler“ schaut
Bei der Scheidung aus Verschulden geht es nicht bloß darum, wer den spektakuläreren Vorwurf auf seiner Seite hat. Das Gericht prüft das gesamte eheliche Verhalten beider Ehepartner. Es fragt also: Wer hat durch schuldhaftes Tun oder Unterlassen zur unheilbaren Zerrüttung der Ehe beigetragen?
Rechtliche Grundlage dafür ist das Verschuldensprinzip im Ehegesetz. Maßgeblich ist, ob eine schwere Eheverfehlung oder ein schuldhaftes Verhalten vorliegt, das die Ehe so belastet hat, dass die Lebensgemeinschaft nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Eine Affäre ist dafür ein klassisches Beispiel. Aber auch dauerhafter emotionaler Rückzug, hartnäckige Ablehnung des gemeinsamen Ehelebens oder das Verweigern wesentlicher Beiträge zum Zusammenleben können rechtlich Bedeutung bekommen.
Wichtig ist dabei ein oft übersehener Punkt: Nicht jedes Fehlverhalten wiegt gleich schwer. Das Gericht unterscheidet zwischen überwiegendem Verschulden, gleichteiligem Verschulden oder dem alleinigen Verschulden eines Ehepartners. Ein kleines Mitverschulden verschwindet jedoch nicht automatisch nur deshalb, weil die andere Seite deutlich schwerer gegen die Ehe verstoßen hat. Genau hier zeigt sich, warum Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre in der Praxis so relevant ist.
Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre: Der OGH setzte eine klare Grenze gegen Schwarz-Weiß-Denken
Die Vorinstanzen kamen zum Ergebnis, dass der Mann das überwiegende Verschulden an der Zerrüttung trägt. Seine neue außereheliche Beziehung war die schwerste Eheverfehlung. Gleichzeitig wurde aber auch der Ehefrau ein geringes Mitverschulden angelastet, weil ihr Verhalten im Alltag die Ehe ebenfalls belastet hatte.
Der Oberste Gerichtshof bestätigte diesen Zugang. Entscheidend war: Das Verhalten der Ehefrau war nach Ansicht des Gerichts nicht so unbedeutend, dass es rechtlich völlig außer Betracht bleiben müsste. Rückzug, Ablehnung gemeinsamer Aktivitäten, kaum vorhandene körperliche Nähe und dauerhafte Spannungen im Zusammenleben konnten sehr wohl als Beitrag zur Zerrüttung gewertet werden.
Damit blieb es beim überwiegenden Verschulden des Mannes. Die Frau wurde aber nicht als vollständig schuldlos angesehen. Gerade das macht die Entscheidung für die Praxis so relevant: Eine klare Hauptschuld auf der einen Seite schließt ein kleines Mitverschulden auf der anderen Seite nicht aus. Wer Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre verstehen will, muss daher immer das Gesamtbild der Ehe betrachten.
Was das für Unterhalt und Verfahrensstrategie bedeutet
Der Verschuldensausspruch ist mehr als eine moralische Bewertung. Er kann sich auf den Ehegattenunterhalt nach der Scheidung auswirken und beeinflusst oft die gesamte Verhandlungsposition im Verfahren.
§ 66 EheG regelt vereinfacht gesagt den Unterhaltsanspruch des geschiedenen Ehegatten, wenn der andere die Scheidung allein oder überwiegend verschuldet hat. Wer überwiegend schuld ist, kann daher eher zur Unterhaltsleistung verpflichtet sein. Genau deshalb wird in vielen Verfahren so intensiv darüber gestritten, ob ein Ehepartner völlig schuldlos war oder ob doch ein Mitverschulden vorliegt. Mehr dazu auch beim Thema Unterhalt.
§ 49 EheG ist die zentrale Bestimmung zur Scheidung aus Verschulden. Sie erfasst schwere Eheverfehlungen oder ehrloses beziehungsweise unsittliches Verhalten, wenn dadurch die Ehe tief zerrüttet wurde. Für Laien wichtig: Das Gericht blickt nicht nur auf einzelne Ausrutscher, sondern auf das Gesamtbild der Ehe.
Wenn Sie sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden, kann schon die Einordnung „alleiniges“ oder „überwiegendes“ Verschulden einen spürbaren Unterschied machen. Mit langjähriger Erfahrung als Rechtsanwalt in Wien sehen wir in der Praxis oft, dass gerade die scheinbar kleinen Details des Ehealltags später große rechtliche Wirkung entfalten. Gerade bei Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre entscheidet häufig die präzise Aufarbeitung der Alltagsdynamik.
Vier typische Irrtümer, die Betroffene teuer werden können
- „Mein Partner ist fremdgegangen, damit ist alles entschieden.“
Nein. Das Gericht kann trotzdem prüfen, ob auch Ihr Verhalten zur Zerrüttung beigetragen hat. - „Kleine Kränkungen oder Rückzug zählen rechtlich nicht.“
Doch, wenn sie über längere Zeit das eheliche Zusammenleben ernsthaft belasten. - „Eine verziehene Affäre ist für immer erledigt.“
Ein Verzeihen kann frühere Vorfälle entschärfen. Wenn später aber neue Eheverfehlungen dazukommen, wird die Gesamtdynamik wieder relevant. - „Es braucht immer einen dramatischen Einzelvorfall.“
Auch das ständige Muster im Alltag kann für das Verschulden entscheidend sein.
Was Sie jetzt dokumentieren sollten
Wenn absehbar ist, dass die Scheidung als Verschuldensscheidung geführt wird, sollten Sie Beweise nicht nur für große Vorwürfe sammeln. Auch der Alltag zählt.
- Nachrichten, E-Mails oder sonstige Kommunikation zur außerehelichen Beziehung sichern
- Notizen zu Konflikten über Haushalt, gemeinsame Lebensführung und Rückzug erstellen
- Dokumentieren, seit wann gemeinsame Aktivitäten, Gespräche oder Nähe kaum mehr stattgefunden haben
- Zeugen überlegen, die Veränderungen im Ehealltag wahrgenommen haben
- Früh anwaltlich prüfen lassen, ob Vorwürfe rechtlich erheblich oder bloß emotional belastend sind
FAQ zu Mitverschulden bei Scheidung trotz Affäre beim Rechtsanwalt Wien
Mein Mann ist fremdgegangen – kann mir trotzdem Mitschuld gegeben werden?
Ja. Wenn Ihr eigenes Verhalten nachweisbar ebenfalls zur Zerrüttung der Ehe beigetragen hat, kann das Gericht ein Mitverschulden annehmen. Das gilt auch dann, wenn die Affäre des anderen Ehepartners die deutlich schwerere Eheverfehlung war. Entscheidend ist immer das Gesamtverhalten beider Seiten.
Zählt fehlende Nähe oder ständige Ablehnung in der Ehe rechtlich überhaupt?
Unter bestimmten Umständen ja. Wenn über längere Zeit gemeinsame Zeit, emotionale Zuwendung oder körperliche Nähe grundlos verweigert werden und dadurch die Ehe ernsthaft belastet wird, kann das rechtlich relevant sein. Nicht jede Krise führt dazu, aber ein dauerhaftes Muster kann bei der Verschuldensfrage eine Rolle spielen.
Wenn ich eine frühere Affäre verziehen habe, darf ich sie später noch ansprechen?
Ein ausdrückliches Verzeihen kann die rechtliche Bedeutung eines früheren Fehlverhaltens abschwächen. Das bedeutet aber nicht, dass spätere neue Vorfälle folgenlos bleiben. Kommt es erneut zu ehewidrigem Verhalten, wird die Entwicklung der Ehe insgesamt wieder wichtig. Dann kann auch die Vorgeschichte für das Verständnis der Zerrüttung Bedeutung haben.
Warum ist das kleine Mitverschulden überhaupt so wichtig?
Weil der Verschuldensausspruch nicht nur symbolisch ist. Er kann Einfluss auf den nachehelichen Unterhalt und auf die Position im gesamten Scheidungsverfahren haben. Wer glaubt, kleine Aspekte des Zusammenlebens seien bedeutungslos, unterschätzt oft die praktische Tragweite.
Mit langjähriger Erfahrung als Rechtsanwalt in Wien begleitet die Pichler Rechtsanwalt GmbH Mandantinnen und Mandanten bei strittigen Scheidungen, Unterhaltsfragen und der rechtlichen Einordnung von Eheverfehlungen. Gerade wenn die Schuldfrage nicht eindeutig schwarz oder weiß ist, kommt es auf eine präzise Aufarbeitung des gesamten Eheverlaufs an.
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